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Totgeschlagen,
totgeschwiegen?
Autobiographische
Zeugnisse homosexueller Überlebender
Klaus
Müller ©
In: Nationalsozialistischer Terror gegen Homosexuelle. Verdrängt und ungesühnt
Hg. von Rüdiger Lautmann und Burkhard Jellonek. Paderborn 2002.
Die
Forschungen zum Holocaust und die Kultur des Gedenkens an die Opfer
nationalsozialistischer Verfolgung stützen sich auf zwei unterschiedliche
Formen des Erinnerns: einerseits auf die Geschichtswissenschaft,
die durch ihre akademische Einbindung immer auch eine Form kollektiven
Gedächtnisses ist; andererseits auf die individuellen Zeugnisse
der Überlebenden selbst – ihre autobiographischen Mitteilungen und
ihre Interviews. Der Strom historischer Veröffentlichungen in den
letzten Jahren hat gezeigt, dass die sozialgeschichtliche Arbeit
zur nationalsozialistischen Homosexuellenverfolgung eine schmale,
doch solide Basis geschaffen hat, auf der zukünftige und weiter
gehende Forschungsvorhaben definiert werden können.
[1] Doch wo bleiben die Zeugnisse der Überlebenden? Welche
Rolle spielen homosexuelle Überlebende in unserer Erinnerungsarbeit,
und zugleich, welche Rolle spielt diese Erinnerungsarbeit für sie
heute? [2]
Schätzungen
zufolge gibt es weltweit rund 15 Tausend Video- und Audiointerviews
mit jüdischen Überlebenden. Bis zum März 2001 hat Steven Spielbergs
"Survivors of the Shoah Visual History Foundation" 51.478
neue Interviews mit vornehmlich jüdischen Überlebenden hinzugefügt.
Nur ein kleiner Anteil der Interviews besteht dabei aus Gesprächen
mit Mitgliedern anderer Opfergruppen, denen sich die Shoah Foundation
erst ein Jahr nach Anfang ihrer Arbeit geöffnet hat. Die Zahl der
Interviews mit homosexuellen Überlebenden bleibt bedrückend niedrig
und ist ein Indiz für die jahrzehntelange Indifferenz gegenüber
ihrem Schicksal. Vier Oral-History-Videointerviews mit homosexuellen
Überlebenden finden sich in der Oral History Collection des United
States Holocaust Memorial Museums (Washington), zwei Interviews
in der Sammlung der Shoah Foundation. Diese allerdings decken sich
mit bereits vom U.S. Holocaust Memorial Museum interviewten Zeugen. [3] Weder das "Fortunoff Video Archive for
Holocaust Testimonies of Yale University" noch die Oral-History-Kollektion
des israelischen Museums Yad Vashem verfügen über Interviews mit
homosexuellen Überlebenden. Ein ähnliches Desinteresse kennzeichnet
Institutionen in Deutschland, die Zeitzeugen interviewen.
Nicht
zufällig sind deshalb in den letzten Jahren wichtige Arbeiten im
Bereich des unabhängigen Dokumentarfilms vorgelegt worden, die die
Versäumnisse von Forschungseinrichtungen und Museen natürlich nur
partiell kompensieren können, aber zu einer breiten öffentlichen
Diskussion beigetragen haben. Insbesondere die dabei produzierten
Interviews mit Überlebenden sind angesichts der bisherigen kleinen
Anzahl von Quellen von besonderer Bedeutung.
"Wir
hatten ein großes 'A' am Bein" von Joseph Weishaupt and Elke
Jeanrond („We were marked with a big 'A'"; die englische Fassung
wurde 1993 vom U.S. Holocaust Memorial Museum untertitelt) zeigte
bereits 1991 drei Interviews mit homosexuellen Überlebenden und
gab einen Überblick über das Thema.
Neueren
Datums sind drei von mir initiierte und historisch betreute Dokumentarfilme.
In „Paragraph 175“ (USA 2000), habe ich fünf homosexuelle Überlebende
interviewt. [4] „...but I was a girl” (The life
of Frieda Belinfante, Niederlande 1999) beruht auf meinem Interview
mit Frieda Belinfante, einer lesbischen Widerstandskämpferin. [5] Mein Dokumentarfilm „Just happy the way I am“
(Slowenien/Niederlande 1999) befasst sich mit den pädagogischen
Fragen dieses Themas..
[6] Vor allem „Paragraph 175“, der mit Premieren auf dem Sundance
und Berlin Film Festival sowie zahlreichen Preisen ein breites Medienecho
fand, ermöglichte erstmals einem größeren internationalen Publikum,
sich mit individuellen Schicksalen verfolgter Homosexueller zu beschäftigen
und Zeugnisse von Überlebenden zu hören.
Das
Internet als noch relativ neue Vermittlungsform hat sich seit Ende
der 1990er Jahre zu einem wichtigen Forum entwickelt, gibt aber
bisher zumeist nur sekundäre Information aus bereits publizierten
Quellen. Die von mir für das U.S. Holocaust Memorial Museum entwickelte
Online-Ausstellung „Do you remember when“ ist eine der wenigen primären
Quellen, der keine Onsite-Ausstellung oder Publikation vorausging.
In der Ausstellung wird das individuelle Schicksal von zwei jüdisch-homosexuellen
Überlebenden im Rahmen einer Online-Ausstellung thematisiert (www.ushmm.org/doyourememberwhen
).
Ob
Film oder online – die Rekonstruktion des Schicksals von individuellen
homosexuellen Opfern und Überlebenden ist bislang marginal geblieben.
Daher kann sie nur bedingt dazu beitragen, dieses Thema für eine
Integration in die Holocaust-Studien und -Erziehung langfristig
zu sichern.
Bei
den literarischen Zeugnissen bietet sich ein vergleichbares Bild.
Die Vielzahl der literarischer Aussagen von jüdischen Überlebenden
ermöglicht mittlerweile ein sehr differenziertes Bild der individuellen
und kollektiven Verfolgung. Stellen wir uns für einen Moment vor,
wir müssten die Verfolgung der europäischen Juden rekonstruieren
ohne die Zeugnisse von Elie Wiesel, Viktor Klemperer, Anne Frank
oder Primo Levi. Stellen wir uns vor, wir müssten die Erinnerung
und das Gedächtnis an die Judenverfolgung formen ohne die Zeugnisse,
Erinnerungen und Reflektionen der Überlebenden – ohne ihre Stimme.
Das ist nur schwer vorstellbar. Und doch ist dies die Situation,
mit der wir uns konfrontiert sehen bei der Rekonstrukion des Schicksals
der Homosexuellen.
An
literarischen Zeugnissen homosexueller Überlebender besitzen wir
bislang nur zwei: von Heinz Heger "Die Männer mit dem rosa
Winkel" und von Pierre Seel "Moi, Pierre Seel, déporté
homosexuel". [7]
Eine
Handvoll biographischer Dokumentationen unter anderem von Lutz van
Dijk und Andreas Sternweiler sowie weniger als 15 zum großen Teil
anonymisierte Interviewfragmente mit homosexuellen Überlebenden
bei Stümke/Finkler und anderen Publikationen fügen sich zu dieser
– im Vergleich – überaus bescheidenen Anzahl historischer Zeugnisse.
[8] Über die Erfahrungen homosexueller Überlebender zu sprechen,
heißt daher über die Gründe ihres Schweigens zu sprechen. Nur innerhalb
einer Rekonstruktion dieses auferlegten Schweigens können Jene verstanden
werden, die trotz alledem Zeugnis abgelegt haben.
Eine
Analyse der 'Zeugnisse homosexueller Überlebender' (ich beschränke
mich im folgenden auf die von Überlebenden selbst geschriebenen
Zeugnisse) setzt drei falsche Prämissen, die hier zunächst problematisiert
werden sollen. Zum ersten die Annahme, dass wir das Schicksal der
Männer mit dem rosa Winkel und ihre Erfahrungen nach 1945 problemlos
als ein kollektives Geschehen behandeln können. Als der Ausgangspunkt,
von dem aus wir sprechen, ist festzuhalten: Mehr als 99% aller homosexuellen
Überlebenden haben uns ihre Geschichte nicht erzählt und werden
uns ihre Geschichte nie erzählen. Sie blieben allein mit der Erinnerung
und starben allein mit der Erinnerung. [9] Schon die Tatsache, dass die historische Forschung bis heute
über die Anzahl der als homosexuell identifizierten, internierten
Männer mit dem rosa Winkel nur eine ungefähre Schätzung angeben
kann, spricht für sich.
Die
Annahme, es habe eine wie auch immer charakterisierte Gruppe
homosexueller Überlebender existiert, ignoriert das bedeutendste
Charakteristikum ihres Lebens nach der Befreiung: ihre extreme Isolation.
Homosexuelle Überlebende haben sich selten als Teil eines Kollektivs
gefühlt. Das ihnen durch die Nachkriegsgesellschaften aufgezwungene
Schweigen hat sie individualisiert. Ihre Verfolgung wurde zum individuellen
Schicksal.
Eine
zweite Prämisse ist falsch: Indem wir sie als Gruppe homosexueller
Verfolgter identifizieren, verdecken wir die historische Komplexität
sexueller Identitätskonstruktionen. Die Konstruktion des Homosexuellen
als differenter sexueller wie sozialer Identität leitet sich aus
den medizinischen und politischen Diskursen des 19. Jahrhunderts
über Degeneration und Perversion her: ein überaus fruchtbarer Boden
für eine Vielzahl von rassistischen und sexistischen Identifikationen. [10] Die Biologisierung dieser kulturellen Vorurteile
– indem man den Juden, den Homosexuellen, den Zigeuner, den Behinderten
als Degenerationen der Natur erklärte – erwies sich als signifikanter
Motivkomplex bei ihrer Ermordung fünfzig Jahre später und mag eine
Erklärung für die passive Haltung der deutschen Bevölkerung gegenüber
dem massenhaften Mord sein.
Ein
Vergleich zur Verdeutlichung: Der Antisemitismus prägt die historische
Existenz des Judentums, ist aber nur ein Teil seiner Geschichte.
Die Geschichte der Sexualität und Homosexualität ist nur in geringem
Maße die Geschichte sexuellen Verhaltens oder sexueller Akte. Sie
wird viel nachhaltiger geprägt von den sozialen Identifikationen
und Bedeutungen des Sexuellen, die quer durch die Geschichte auf
Individuen und Gruppen projektiert wurden und werden.
Die
historische Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus muss
sich mit diesem komplexen Erbe des Rassismus auseinandersetzen;
einem Rassismus, der immer auch durch Sprache, durch Kategorien
ausgetragen wurde. Einerseits können wir nicht abstrahieren von
der sozialen Gruppe, zu der das (homosexuelle) Individuum gehörte
und/oder durch Nazi-Identifikationen subsumiert wurde: dem eigentlichen
Grund, warum er oder sie interniert wurde. Es bleibt jedoch problematisch,
die Identifikationskategorien (Jude, Homosexueller, Zigeuner etc.),
die die Nazis für die Einteilung der Lager benutzten, unreflektiert
in Holocaust-Studien wieder zu verwenden. Damit ordnen wir Individuen
erneut unter soziale Etiketten, die eng mit der Geschichte des Rassismus
und der Konstruktion des Anderen verbunden sind. Andererseits jedoch
wurden diese Identifikationen seit dem 19. Jahrhundert auch für
die Suche nach einer positiven Selbstbestimmung von homosexuellen
Männern benutzt. Die Geschichte von Emanzipation und Repression
entwickelte sich entlang dieser Linie von sozialer (und häufig ausgrenzender)
Identifikation und positiver Identitätsbildung. Das Etikett 'homosexuelle
Überlebende' steht in dieser ambivalenten Tradition.
Zur
dritten falschen Prämisse: In unserem Bedürfnis, homosexuelle Überlebende
plötzlich in eine Gedenkkultur zu integrieren, an der sie nie teilhatten,
bezeichnen wir sie als 'Überlebende'. Als 'Überlebender' hat man
die individuellen und sozialen Erfahrungen derjenigen gemacht, die
den Lagern entkommen sind. Doch im Begriff liegt auch die soziale
und kollektive Anerkennung der Außenwelt: der Ausdruck eines würdevollen
Respekts gegenüber dem 'survivor'. Im Begriff des 'Überlebenden',
wie er heute verwendet wird, liegt die einfache, aber absolut notwendige
Anerkennung des sozialen Unrechts, das den Opfern des Nationalsozialismus
widerfuhr.
Aber
die Männer mit dem rosa Winkel haben diese einfache Anerkennung
nie erfahren. Man hat sie von der Gedenkkultur ausgeschlossen. Sie
wurden als Kriminelle und Perverse behandelt. Ihre Würde ist in
der deutschen Nachkriegsgesellschaft dauerhaft zerstört worden.
So verstanden sind die Homosexuellen, die 1945 die Lager verließen,
keine 'Überlebenden'. Sie haben nur überlebt.
Rekonstruktion
der Nachkriegssituation
Um
das Schweigen wie den Wert der wenigen Zeugnisse homosexueller Verfolgter
des Nazi-Regimes zu verstehen, sei zunächst die politische und juristische
Situation ehemaliger homosexueller Gefangener nach 1945 skizziert,
also der Rahmen, in dem die wenigen Zeugnisse Überlebender verstanden
werden können. Ich beschränke mich auf wenige Stichworte.
–
Sowohl den Allierten wie den deutschen Nachkriegsautoritäten war
die nationalsozialistische Homosexuellenverfolgung 1945 ausreichend
bekannt, und zwar durch Zeugnisse von Mitgefangenen wie durch Nazi-Dokumente.
–
Weder bei den Nürnberger Prozessen noch bei späteren Gerichtsverfahren
gegen Nazis wurde die Verfolgung der Homosexuellen juristisch geahndet.
Die Ende der 1940er Jahre stark auflebende Homophobie in Europa
wie den Vereinigten Staaten (McCarthy) tabuisierte die Analyse dieser
spezifischen Form nationalsozialistischer Ideologie und Verfolgungspraxis.
So wurde auch eine politische Analyse der vielfältigen Kontinuitäten
verhindert, die sich natürlich nicht allein hier, aber auf eine
besondere Art auch bei diesem Thema vor und nach 1945 herstellten.
Öffentlich ausgedrückter Antisemitismus wurde zu einem Tabu nach
1945; die Homosexuellenfeindlichkeit jedoch blieb unhinterfragt.
Der 'Homosexuelle als Anderer' wurde zum Symbol des Außenseiters
und Perversen; er wurde als Abgrenzungsfigur von fast allen gesellschaftlichen
Gruppen gleichgültig welcher politischer Prägung in ihrem Anspruch
auf Respektabilität benutzt. Auch liberale Kräfte in der Bundesrepublik
scheuten sich lange, die Homosexuellenfrage als politische Frage
aufzunehmen.
–
Die nationalsozialistische Revision des §175 im Jahre 1935 wurde
von den Allierten wie den späteren Bundesbehörden als geltendes
Recht übernommen. Das Bundesverfassungsgericht verteidigte diese
Übernahme eines nationalsozialistischen Gesetzes 1957 mit bevölkerungspolitischen
und 'sittlichen' Überlegungen, die an nationalsozialistische Vorstellungen
zum Teil eng anschlossen.
–
Die erste deutsche Homosexuellen- und Lesbenbewegung unter Führung
von Magnus Hirschfeld ist von den Nationalsozialisten dauerhaft
zerstört worden. In den 1950er und 1960er Jahren misslangen Anknüpfungsversuche.
Es blieb bei einzelnen, einflusslosen Homosexuellengruppen im Untergrund.
–
Die zweite deutsche Homosexuellen- und Lesbenbewegung hat es weder
vermocht noch mit Entschiedenheit versucht, Kontakt zu Überlebenden
herzustellen. Insbesondere die politische Radikalität der siebziger/achtziger
Jahre und deren ästhetischer Ausdruck ist den Überlebenden fremd
und befremdend.
–
Homosexuelle Opfer wurden und werden von Entschädigung und Wiedergutmachung
ausgeschlossen und galten als vorbestraft. Bis heute ist die Entschädigung
verfolgter Homosexueller unterblieben. Auch die Anerkennung der
NS-Homosexuellenverfolgung als Unrecht durch den deutschen Bundestag
ändert nichts am nach wie vor bestehenden Fehlen einer finanziellen
Entschädigung und juristischen Revision des Bundesverfassungsgerichtsurteils
von 1957. Die Abdrängung der politischen Auseinandersetzung in symbolische
Gesten und Erklärungen verhindert eine rechtliche und finanzielle
Klärung.
–
Die bundesrepublikanischen Strafbehörden nahmen die Verfolgung Homosexueller
wieder auf und benutzten den 1935 von den Nazis verschärften Paragraph
175 als Rechtsgrundlage. Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung
waren als 'Vorbestrafte' besonders gefährdet. Die deutsche Nachkriegsgeschichte
ist nicht nur von der fehlenden historischen Aufarbeitung, sondern
auch der Kontinuität der Homosexuellenverfolgung geprägt. Eine rechtliche
und finanzielle Aufarbeitung der Verfolgung muss notwendig die juristischen
Kontinuitäten nach 1945 bis 1969 mit thematisieren.
–
Die historische Forschung und die Gedenkkultur an die Opfer des
Nationalsozialismus haben die nationalsozialistische Homosexuellenverfolgung
jahrzehntelang verschwiegen, negiert und damit ihren Teil zu dem
unheilvollen Schweigen gegenüber den Opfern und Überlebenden beigetragen.
Anfang der 1990er Jahre durchbrach das United States Holocaust Memorial
Museum diese Praxis und stieß damit die allmähliche Integration
des Themas in auch deutsche Gedenkstätten und Museen an; eine Reihe
von deutschen Gedenkstätten hat mittlerweile Ausstellungen angepasst
oder wie Sachsenhausen eine Sonderausstellung zusammen mit dem Schwulen
Museum gestaltet. [11]
–
Erst durch die Arbeit überwiegend homosexueller und lesbischer Historiker/innen
wurde die – unterschiedliche – Verfolgung homosexueller Männer und
lesbischer Frauen aufgearbeitet. Dies geschah Anfang/Mitte der 1980er
Jahre durch Rüdiger Lautmann, Stümke/Finkler und Richard Plant und
ab Ende der 1980er Jahre durch Arbeiten von Günter Grau, Burkhard
Jellonnek, Lutz van Dijk, Claudia Schoppmann und andere.
–
Seit Ende der 90er Jahre wächst die öffentliche Diskussion über
die jahrzehntelange Negation der Homosexuellenverfolgung; maßgeblich
geprägt durch die Arbeit des U.S. Holocaust Memorial Museums und
den erfolgreichen Dokumentarfilm ‚Paragraph 175’, aber auch durch
die Arbeit der Pink Triangle Coalition, der Initiative zum Mahnmal
für die homosexuellen Opfer und die Ausstellungen des Schwulen Museums
und die Forschungsarbeiten der Magnus Hirschfeld Gesellschaft.
[12]
Die
Gefahr des Erinnerns
Angesichts
der Kontinuität der Verfolgung nach 1945 und der juristischen Kriminalisierung
von Homosexuellen ist es nicht verwunderlich, dass Zeugnisse homosexuelle
Überlebende in Gefahr gebracht hätten – waren sie potentiell doch
immer auch Zielobjekte für eine mögliche zukünftige Verfolgung.
Homosexuelle
Männer und lesbische Frauen lebten zwischen 1945 und Mitte der 1960er
im Untergrund. Der Kontakt untereinander funktionierte häufig nur
mit äußerster Vorsicht. 1969 berichtet der Spiegel in einem Leitartikel
zur Abschaffung des §175 über die Lebenssituation Homosexueller
in einer westdeutschen Kleinstadt: "Adressen und Telefonnummern
ihrer Freunde lernen sie auswendig. Briefe werden sofort vernichtet."
"Wenn hier eingebrochen wird oder uns stößt etwas zu und die
Polizei kommt ins Haus – hier findet niemand einen Hinweis."
[13] Die erzwungene Maskerade der Nazizeit setzte sich nach
1945 nahezu ungebrochen durch. Anonymität war ein zentrales Mittel,
um leben zu können.
Trotz
des rosa Dreiecks als langjährigen Symbols der gay and lesbian community
wissen wir sehr wenig über das individuelle Schicksal der Männer
mit dem rosa Winkel. Die Nazi-Erfindung des rosa Winkels wurde zum
internationalen Symbol von 'gay and lesbian pride', weil wir nicht
verfolgt werden von individuellen und konkreten Erinnerungen an
diejenigen, die gezwungen wurden, den rosa Winkel zu tragen. Unsere
Erinnerung ist unpersönlich. [14]
Gerade
darum sind die beiden literarischen Zeugnisse verfolgter Homosexueller
entscheidend für ein historisches Verständnis der NS-Homosexuellenverfolgung,
die nicht allein über eine Analyse von Täterquellen rekonstruiert
werden kann. Sämtlichen Akten aus Gestapo- oder SS-Beständen, Gerichtsakten
oder Listen aus Konzentrationslagern ist die Dehumanisierung der
Verfolgten eingeschrieben, und es ist kaum zufällig, dass sich bisherige
Forschungsarbeiten auf eine Rekonstruktion der kollektiven Homosexuellenverfolgung
anhand von NS-Quellen beschränkt und kaum Einblicke in die Folgen
dieser Verfolgung für individuelle Schicksale und Lebensläufe gewähren.
Die Zeugnisse von Heinz Heger und Pierre Seel sind primäre Quellen
für eine NS Forschung, die sich nicht auf Täterquellen allein stützen
will und kann, aber auch für eine Individualisierung unseres Erinnerns:
Die nationalsozialistische Homosexuellenverfolgung zerstörte kollektive
Strukturen, aber sie traf individuelle Menschen.
Heinz
Hegers Zeugnis in 'Die Männer mit dem rosa Winkel' (1972)
1972
veröffentlichte ein kleiner Verlag in Hamburg das Buch 'Die Männer
mit dem rosa Winkel' von einem Autor namens Heinz Heger.
[15] Das Buch beschreibt die Erfahrungen eines zweiundzwanzigjährigen
Wiener Studenten, der 1939 verhaftet wurde wegen Vergehen nach §175
zunächst zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt und dann als 'Schutzhäftling'
in ein Lager überstellt wurde. Im Januar 1940 wurde er nach Sachsenhausen
deportiert und gezwungen, im Klinkerwerk zu arbeiten. Von dort wurde
er im Mai 1940 in das Konzentrationslager von Flossenbürg überstellt,
wo er zeitweise zusammen mit anderen Rosa-Winkel-Trägern in einen
speziellen 175er-Block kam. Während des Todesmarsches von Flossenbürg
nach Dachau im April 1945 wurde er von amerikanischen Truppeneinheiten
befreit.
Sein
Zeugnis wurde zum Symbol für den Streit um die Anerkennung der NS-Verfolgung
der Homosexuellen. Die Geschichte des Buches kennzeichnet zugleich
die spezifischen Schwierigkeiten in diesem Streit:
–
Das Manuskript war 1967/68 fertiggestellt, fand jedoch erst 1972
einen Verleger. In den ersten Jahren wurde es sehr schlecht verkauft,
wurde aber ein großer Erfolg in den späten siebziger und den achtziger
Jahren. Die Übersetzung in verschiedene Sprachen spiegelte das zunehmende
Bedürfnis der gay and lesbian community, sich ihrer eigenen Geschichte
zu vergewissern.
–
'Heinz Heger' war ein Pseudonym. Der Autor beharrte auf seiner Anonymität.
Seine wahre Identität blieb bis kurz nach seinem Tod unbekannt.
Die lange Anonymität des Autors tastete die Glaubwürdigkeit seines
Zeugnisses an. Im Laufe der Jahre wurde sein Wert als historisches
Dokument zunehmend angezweifelt. Im März 1994 starb 'Heinz Heger',
ohne jemals als Opfer des Nazi-Regimes anerkannt worden zu sein.
Der Erfolg seines Buches war ihm nur in sehr beschränktem Maße bewusst.
–
Es dauerte 22 Jahre, bis sein einzigartiges Zeugnis nicht länger
das einzige Zeugnis war, das uns bekannt ist: Pierre Seel veröffentlichte
seine Memoiren.
–
Kurz nach dem Tod von 'Heinz Heger' vermittelte mir Kurt Krickler,
Mitglied der Homosexuellen Initiative in Österreich, den Kontakt
mit Hegers Lebenspartner. Durch Hegers langjährigen Partner Wilhelm
Kroepfl erfuhr ich Hegers richtigen Namen, Josef Kohout, und die
Geschichte des Buches. Erst die Rekonstruktion der Genese des Buches
und die nun bestehende Möglichkeit, die Angaben Kohouts in seinem
Buch anhand von Lagerdokumenten aus Flossenbürg sowie durch private
Unterlagen zu verifizieren, ermöglichen es, die historische Authentizität
des Buches zu bestimmen.
Kohouts
Zeugnis entstand 1967/68 in Zusammenarbeit mit einem Freund. 'Heinz
Heger' – so könnte man sagen – war eigentlich ein doppeltes Pseudonym.
"Somit
ist das Jahr 1967/68 gekommen. Ein Bekannter von uns, den Josi schon
1936 kannte, fragte eines Tages, ob Josi Lust hätte, dass er ihn
mit einem seiner Bekannten zusammenführen kann, der ein Interesse
hätte, über die KZ-Zeit von Josi einiges zu erfahren, da er ein
Buch über Homos im KZ schreiben will. Josi fragte mich damals nur
kurz, soll ich? Meine Antwort war: wenn Du Lust hast, ja, Du wolltest
sowieso immer, dass etwas schriftlich festgehalten wird. So lernten
wir den späteren "Hr. Heinz Heger" (Hr. Neumann) kennen.
Bei diesem Treffen wurde ausgemacht, dass sich Hr. Neumann und Josi
jeden Montag mittags für ca. 2 Stunden, durch Monate hindurch, da
beide damals im Außendienst beschäftigt, im Büroraum eines Geschäftes
trafen, dessen Eigentümer die Beiden ja zusammenbrachte und Josi
durch Jahre hindurch dort am Montag jeweils seine Mittagszeit bei
einem kleinen "Kaffee-Tratsch" verbrachte. So entstand,
gedacht als allgemein gehaltene Erlebnisse der Homos im KZ, die
Geschichte des Josi im KZ. Nachdem Josi mit seinen Erzählungen 1967/68
fertig war, sagte Josi damals sehr, sehr erleichtert: fertig. "
(Korrespondenz Wilhelm Kroepfl – Klaus Müller, 5. April, 1995). [16]
[i]
Kohouts
Zeugnis war ein später Versuch, als Opfer anerkannt zu werden. 1946
hatte Josef Kohout Entschädigung beantragt. Er wurde aber von seinen
ehemaligen Mitgefangenen (nunmehr Mitglieder des "Komitees
der ehemaligen Gefangenen von Flossenbürg" und entscheidend
bei Fragen von Entschädigungen) dahingehend informiert, dass ihm
als ehemaligem Träger des rosa Dreiecks keinerlei Entschädigung
zustehe. Seine sechsmonatige Gefängnisstrafe wurde zwar auf seinen
Antrag hin aus seiner Polizeiakte gestrichen. Aber für die Jahre
in den Lagern attestierten sich die österreichischen Behörden Nicht-Zuständigkeit.
Als Kohout in Pension ging, wurden ihm die sechs Jahre in Sachsenhausen
und Flossenbürg von der Rente abgezogen – im Unterschied zur Rentenberechnung
der früheren SS-Chargen im Lager. Es dauerte sieben Jahre, bis das
österreichische Sozialministerium die erste und bislang einzige
Ausnahme machte und seine Rente neu berechnete. Sein Antrag auf
Entschädigung allerdings wurde weiterhin abgelehnt, da er ja 'kein
Opfer nationalsozialistischen Unrechts' sei.
Kohouts
Zeugnis wird bestimmt durch zwei historische Konditionen:
1.
Durch den Mangel an historischer Forschung auf diesem Gebiet lag
auf dem Buch eine enorme Last. Es war nicht nur das einzige Zeugnis
eines homosexuellen Überlebenden, sondern zugleich die einzige historische
Dokumentation der NS-Homosexuellenverfolgung.
2.
Kohouts Zeugnis ist notwendigerweise geprägt vom Nachkriegsdiskurs
und der Nicht-Anerkennung der NS-Homosexuellenverfolgung. Sein Buch
sucht nach Argumenten, mit Hilfe derer sich diese Nicht-Anerkennung
bestreiten ließe. Persönliche Memoiren, historische Forschung, politischer
Diskurs – Kohouts Zeugnis wird durch die Spannung zwischen diesen
drei Schreibhaltungen und seine Position in einem feindseligen öffentlichen
Diskurs bestimmt.
Eine
kurze Beschreibung
Verschiedene
Erzählperspektiven bestimmen den Text: sein individuelles Leiden
(I); dessen Präsentation als typisches Schicksal eines homosexuellen
Gefangenen (II); direkte Appelle an den Leser und dessen Gewissen
(III).
(I)
"Denn eine Welt brach in mir zusammen, die Welt der Freundschaft
und Liebe zu meinem Freund Fred." (S. 17) So beschreibt Kohout
die erste Reaktion auf seine Verhaftung. Kohout war in einer katholischen
Familie erzogen worden. Seine Studienzeit erinnert er als sorglose
Zeit, mit seinem Freund Fred schmiedete er Zukunftspläne. Seine
Mutter unterstützte ihn nach seinem Coming-Out. Diese mütterliche
Unterstützung prägte seine Widerstandskraft:
"Welcher
Sittenstrolch und Volksschädling war ich? Ich hatte einen Freund,
einen Mann geliebt, keinen Minderjährigen, sondern einen 24jährigen
Erwachsenen!" (S. 23/24)
(II)
Während er über die langen Jahre in den Lagern berichtet, benutzt
Kohout häufig Formulierungen in der Wir-Form: "[...] wir, die
Männer mit dem rosa Winkel." (S. 33) Das Schicksal anderer
Mitgefangener entgeht ihm nicht. Kohout beschreibt die komplexen
Beziehungen zwischen den verschiedenen Gefangenen-Gruppen: die Rivalität
zwischen 'politischen' und 'kriminellen' Internierten um die Kapo-Positionen;
die Ähnlichkeiten im brutalen Auftreten der SS gegenüber Juden,
Roma und Sinti und Homosexuellen; die Weigerung der Zeugen Jehovas,
das Lagerbordell zu besuchen; der Mord an Hunderten von russischen
Kriegsgefangenen.
(III)
Mit manchmal direkten Fragen wendet sich Heger an den Leser, bittet
um Sympathie und moralisches Urteil: "[...] aber warum bleibt
man uns Homosexuellen gegenüber so unmenschlich, warum werden wir
noch immer weiter verfolgt und von den Gerichten eingesperrt wie
zu Hitlers Zeiten?" (S. 169)
Dennoch,
seine Geschichte ist – gerade weil sie von einem Überlebenden stammt
– die Geschichte einer Minderheit von homosexuellen Gefangenen.
Wenn Kohout Überlebensstrategien beschreibt, fällt er zurück in
die Ich-Form. Sein Überleben basiert nicht nur auf seiner Geisteshaltung
("Und ich war von einem Gedanken besessen: Ich will leben!
Ich will überleben!", S. 45), sondern auch auf dem Austausch
von sexuellen Diensten gegen den besonderen Schutz durch seine Kapos.
"Zwei
Tage lang kam ich wie ein Wunder unverletzt durch den Kugelregen
des Übungsschießens, da machte mir ein Capo, ein "Grüner",
das Angebot, mich nur zum Einschaufeln der Erde in die Schubkarren
einzuteilen und nicht mehr zum Fahren, falls ich sein Freund sein
wolle und ihm zum Gefallen sei. Ich wäre dann nicht mehr auf dem
Erdwall der Schießstätte den Kugeln der SS-Schützen auf Leben und
Tod ausgesetzt. [...] Warum sollte ich da eine Chance, die mich
zwar menschlich degradierte, mir aber das Leben rettete, nicht nützen?"
(S. 53)
Weil
Flossenbürg von den 'kriminellen' Kapos intern verwaltet und Kohout
über die Jahre von verschiedenen Kapos im Tausch für sexuelle Dienste
beschützt wurde, überlebte er. Sexualität, wie er offen und sachlich
beschreibt, wurde zur Ware innerhalb der Lagerhierarchie. Die meisten
Kapos nutzten ihre Position aus, um 'ihren Jungs' Schutz zu bieten,
insofern diese willig waren. Diese Beziehungen wurden nicht als
'homosexuell' verstanden, sondern als eine Art Notsexualität.
"Die
gleichgeschlechtliche Handlung zweier ‚Normaler’ wurde als Ersatzhandlung
abgetan, wenn dasselbe aber zwei Homos im Einklang machten, war
es eine ‚Schweinerei’, eine ‚dreckige und abscheuliche’ Angelegenheit."
(S. 78)
Natürlich
blieben die Kontakte innerhalb des Lagersystems sehr riskant, sowohl
wenn sie durch die SS entdeckt wurden wie auch als politisches Mittel
im Machtstreit zwischen 'politischen' und 'kriminellen' Häftlingen.
"Denn
jedes homosexuelle Vergehen wurde, wenn es bewiesen werden konnte,
mit schweren Strafen für beide Teile geahndet, die meist den Tod
nach sich zogen." (S. 66)
Dieses
System – sexuelle Ausbeutung versus Erhöhung der Überlebenschancen
– änderte sich auch kaum nach der Einführung des Lagerbordells 1943,
in dem weibliche Häftlinge aus Ravensbrück zur Prostitution gezwungen
wurden. Ihnen war nach einer gewissen Zeit Entlassung aus dem Lager
versprochen worden.
"Aber
nicht in die Freiheit kamen sie, sondern zur Liquidierung ins Vernichtungslager
Auschwitz, völlig verbraucht von den fast 2000 ‚Liebesakten’, die
sie in diesen sechs Monaten über sich ergehen lassen mussten.
Schon
am ersten Tag, bei der ‚Eröffnung’ des Bordells, marschierten 100
Häftlinge um fünf Uhr abends zum Sonderbau, der bis einundzwanzig
Uhr für sie offen stand. Und diese Anzahl der Bordellbesucher hat
sich fast nie verringert, an keinem Tag. Wenn man diese Häftlinge
betrachtete, die lachend und freudig zu den ‚Weibern’ marschierten,
so waren nicht nur noch immer strotzende Männer dabei – diese waren
meist Capos oder Vorarbeiter – sondern auch genug Jammergestalten,
ausgezehrte und ausgehungerte menschliche Wracks, stets zwischen
Leben und Tod wandelnd und so aussehend, als ob sie jeden Augenblick
tot zusammenbrechen müssten, die aber auch noch ihr ‚Vergnügen’
bei den ‚Weibern’ haben wollten. Ein deutlicher Beweis dafür, dass
die Sexualität der mächtigste Trieb des menschlichen Körpers ist."
(S. 139)
Sexualität
ist ein Tabu in den Erinnerungen Überlebender wie auch in der Holocaustforschung.
Es ist bemerkenswert, dass Kohout das System sexueller Ausbeutung
als Tauschmittel so deutlich beschreibt. Durch seine Beobachtungen
ordnet Kohout Sexualität in ihrer Funktion innerhalb der Lagerhierarchie
ein und beschreibt die Ausnutzung der (ja sehr) relativen Macht
durch die Kapos und die konkurrierenden Häftlingsgruppen. Das Sexualverhalten
im Lager ist kaum ein Ausdruck sexueller Orientierung: Die Kapos
haben sowohl hetero- wie homosexuelle Kontakte. Die Jungen waren
hetero- oder homosexuell, ohne dass dies für die Frage der sexuellen
Dienste eine Rolle spielte. Die Frauen aus Ravensbrück wurden zur
Prostitution gezwungen. Die gut dokumentierten Vorurteile gegen
homosexuelle Häftlinge hatten keinerlei Einfluss darauf, dass heterosexuelle
Mitgefangene homosexuelle Kontakte unterhielten und dies als Notsexualität
rechtfertigten.
Für
Kapos hatte diese Tauschware Sexualität zweifelsohne eine sexuelle
Funktion. Für die jungen Haeftlinge war Sexualität eine Frage des
Überlebens in einem Universum, in dem sie kaum andere Mittel hatten.
Wie alles im Lager ist auch Sexualität definiert durch ihren Wert
im Kampf ums Überleben. Nur selten ist Sexualität dabei Ausdruck
von Sympathie und Zuneigung.
Pierre
Seel: Der Verlust der Identität (Erinnerung)
1994
veröffentlichte Pierre Seel seine Memoiren "Moi, Pierre Seel,
déporté homosexuel". [17] Er begann, zunächst anonym, Zeugnis abzulegen,
nachdem er Auszüge von Heinz Hegers Buch während einer Lesung gehört
hatte.
Pierre
Seel wurde 1923 in Mülhausen geboren, einer Industriestadt im Elsass.
Elsass-Lothringen wurde 1940 von Deutschland annektiert. Im Juni
1940 begannen die Nazis mit Razzien gegen 'sozial unliebsame Elemente'
wie Bettler, Zuhälter, Homosexuelle oder Zigeuner. Im Mai 1941 lud
die Gestapo den damals siebzehnjährigen Pierre Seel vor und befragte
ihn nach seinen homosexuellen Kontakten, Cruising-Plätzen in Mülhausen
und seinen Kontakten zum Widerstand. Seine Verhaftung scheint auf
rosa Listen zu beruhen, die die französische Polizei angelegt hatte.
In einer frühen Anordnung an alle Polizeistationen hatte die Gestapo
solche Listen angefordert.
[ii] [18]
Pierre
Seel war sechs lange Monate im Konzentrationslager Schirmeck interniert,
bis Ende 1941. Dann, wie tausende andere Elsässer, wurde er zwangsverpflichtet.
Pierre musste unter einem deutschen Offizier an der russischen Front
kämpfen. Er kam nach einem Irrweg über den Balkan nach Warschau,
wo er von russischen Einheiten zunächst verhaftet und später befreit
wurde.
Pierre
stammte aus einer sehr repressiven katholischen Familie. Nach seiner
Entlassung aus Schirmeck wurde er wieder in seiner Familie akzeptiert
unter der Bedingung, nie über die Gründe seiner Verhaftung – seine
Homosexualität – zu sprechen und damit natürlich auch nicht über
die Zeit im Lager.
"Das
Schweigen, das mein Vater nach meiner Rückkehr aus dem Lager Schirmeck
der Familie bezüglich meiner Homosexualität verordnet hatte, blieb
in Kraft: keine Vertraulichkeiten meinerseits, sie stellten ihrerseits
keine Fragen. Alle taten so, als sei rein gar nichts geschehen."
(S. 107) "Als Schattengestalt kehrte ich zurück, und eine Schattengestalt
blieb ich weiterhin: Anscheinend hatte ich noch immer nicht begriffen,
dass ich am Leben geblieben war. Tag und Nacht suchten mich Alpträume
heim, ich übte mich im Schweigen." (S. 103)
Schweigen
wurde seine Art des Lebens.
"Die
angesehenen bürgerlichen Homosexuellen meiner Heimatstadt waren
alle zurückgekehrt. Anscheinend hatten sie nicht unter der Besatzung
zu leiden gehabt. Sie sagten kein Wort und gaben auch keine Erklärung
ab. Es fand keine öffentliche Diskussion über das statt, was mit
den Homosexuellen geschehen war. Nichts, aber absolut nichts kam
mir in meinem Schweigen zu Hilfe." (S. 104)
Fünf
Jahre nach dem Ende des Krieges, 1950, heiratete Pierre, drei Kinder
wurde geboren – ein letzter Versuch, ein normales Leben zu versuchen.
In einem Interview erklärte er:
"Der
familiäre und soziale Druck war sehr groß. Vielleicht wollte ich
mir etwas beweisen. Aber es war nicht leicht, wegen des einfachen
Grundes, dass meine Homosexualität natürlich keineswegs verschwand.
Eine zusätzliche Belastung bedeutete es, dass meine Frau zwar von
meiner Deportation wusste, aber nicht von deren wahren Gründen.
Ein solches Geheimnis vor dir sehr nahestehenden Menschen zu bewahren,
ist eine große Belastung. Sie ist schwer zu ertragen." [19]
Erst
nach dem Scheitern seiner Ehe (er hat seiner Frau nie erzählt, warum
er im Lager gewesen war) und einer suizidalen Periode brach er dieses
Schweigen, das man ihm auferlegt hatte. Besonders die Erinnerung
an die Ermordung seines ersten Freundes Jo ließ ihn dabei nicht
los.
"Noch
zögerte ich, von der Prüfung zu sprechen, die für mich die schlimmste
von allen war, obwohl sie sich in den ersten Wochen meiner Haftzeit
in diesem Lager zutrug. Mehr als alles andere trug sie dazu bei,
aus mir einen gehorsamen, schweigsamen Schatten unter all den anderen
zu machen.
Eines
Tages forderte man uns über den Lautsprecher auf, uns auf dem Exerzierplatz
einzufinden. [...] Tatsächlich erwartete uns diesmal aber eine ganz
andere, eine schmerzlichere Prüfung, nämlich eine Hinrichtung. Man
führte einen jungen Mann, zu jeder Seite von einem SS-Mann gehalten,
in die Mitte des Quadrats. Voller Schrecken erkannte ich Jo, meinen
zärtlichen Freund, als ich achtzehn Jahre alt gewesen war.
Bis
dahin war ich ihm im Lager nie begegnet. War er vor mir oder nach
mir eingetroffen? In den paar Tagen vor meiner Vorladung bei der
Gestapo konnten wir uns nicht sehen. Ich erstarrte vor Schreck.
Ich hatte darum gebetet, er möge ihren Razzien, ihren Listen und
ihren Demütigungen entkommen. Aber da war er, vor meinem ohnmächtigen
Blick, und meine Augen füllten sich mit Tränen. Im Gegensatz zu
mir hatte er keine gefährlichen Kuverts verteilt, keine Anschläge
abgerissen und auch keinen Aufruf unterzeichnet. Und dennoch hatte
man ihn verhaftet, und gleich würde er sterben. [...]
Dann
tönte laut klassische Musik aus den Lautsprechern, während die SS-Männer
ihn nackt auszogen. Danach stülpten sie ihm heftig einen Blecheimer
über den Kopf. Sie hetzten die reißenden Wachhunde des Lagers, die
deutschen Schäferhunde, auf ihn. Zuerst bissen sie ihn in den Unterleib
und in die Schenkel, bevor sie ihn vor unseren Blicken verschlangen.
Seine Schmerzensschreie wurden durch den Eimer, der die ganze Zeit
über seinen Kopf bedeckte, verstärkt und verzerrt. Starr und schwankend,
die Augen weit aufgerissen angesichts so viel Schreckens, mit tränenüberströmten
Wangen, betete ich inbrünstig darum, dass er ganz schnell das Bewusstsein
verlieren möge.
Seither
schrecke ich bis heute oft nachts schreiend aus dem Schlaf. Seit
über fünfzig Jahren taucht diese Szene immer wieder vor meinem geistigen
Auge auf. Nie werde ich die barbarische Ermordung meines Freundes
vergessen. Vor meinen Augen, vor unseren Blicken. Denn Hunderte
Augenzeugen waren dabei. Warum schweigen sie noch immer?" (S.
51-53)
Der
Mord an Jo ist das zentrale Motiv, nach 35 Jahren Zeugnis abzulegen.
Aber die Erinnerung will sich nicht ohne weiteres einstellen:
"Vergessen?
Verdrängt? Es ist, als hätte ich in den Klauen der Nazis meinen
ganzen Willen ausschließlich auf den Gedanken konzentriert, zu überleben,
und nicht darauf, mich zu erinnern. Mir sind nur noch rein zufällige
Brocken der Erinnerung geblieben, deren Unordnung mich verunsichert."
(S. 61/62) "Aber so leicht es mir fällt, gerührt, zärtlich
und mühelos vom Leben meiner Eltern zu erzählen, will sich die Erinnerung
daran, was diese Zeit für mich persönlich bedeutete, weniger spontan
einstellen. Denn sofort kommen die schmerzlichen Dinge. Es ist,
als hätte mein späteres Leid mein Glück als Kind ausgelöscht, als
bewahrte ich nur noch die Erinnerung an die beängstigenden Momente."
(S. 11)
Seel
beschreibt Momente eines völligen Identitätsverlustes, die immer
zugleich den Verlust der Erinnerung bedeuten:
"Oder
genauer gesagt, er erkannte mich, denn damals litt ich unter einer
Art Gedächtnisschwund, der mir sehr zu schaffen machte. Er musste
mich davon überzeugen, dass ich wirklich der Sohn des Konditors
Seel war. Ich zeigte ihm meine wenigen Familienfotos. Er kommentierte
sie. Da ich ohne Gepäck reiste, stückelte ich auf diese Weise wenigstens
ein paar Fetzen meiner zerstörten Identität zusammen." (S.
94)
Das
auferzwungene Schweigen nach seiner Befreiung hatte seine Identität
stark angetastet. Die wenigen glücklichen Notizen in seinen Memoiren
finden sich, nachdem er sich seiner Mutter kurz vor ihren Tod anvertraute.
Doch er verliert dieses neugewonnene Gefühl für sich selbst mit
ihrem Tod.
"Als
sie ging, nahm sie auch die Erinnerung an meine Deportation, meine
Homosexualität und den Mord an Jo mit; fortan zog sich ein Bruch
durch mein Leben, und meine Erinnerung lag unter der Erde bei jener,
die es verstanden hatte, mir mein Gedächtnis zu ermöglichen."
(S. 114)
Seine
Selbstentfremdung scheint charakteristisch für viele Überlebende,
soweit wir dies aus Interviews schließen können. Seine destruktive
Umgebung schlägt um in Selbstdestruktion:
"Im
Viertel flüsterte man: "Das ist der Mann, der weint."
Zwar hatte ich die Einnahme von Beruhigungsmitteln eingestellt,
stattdessen zog ich, wenn ich von der Arbeit kam, ohne meinen Mantel
auszuziehen und den Hut noch auf dem Kopf, aus meinem Einkaufskorb
Flaschen mit Rotwein hervor und trank im Stehen, bis ich umfiel.
Das hatte nichts mit Lust zu tun, es war ein Mittel, langsam aber
sicher Schluss zu machen." (S. 135)
Aber
Pierre Seel gewinnt eine Fähigkeit wieder, die den meisten Überlebenden
verloren gegangen ist: die, über seine schmerzhaften Erinnerungen
reden zu können. Sein Kampf in der Öffentlichkeit und die Reaktionen
auf seinen Mut retten ihn:
"Ich
gestehe ein, dass mir das alles Sicherheit verlieh. Plötzlich fühlte
ich mich wie von einer neuen Achtung für meine Identität umgeben.
Ich konnte mir selbst wieder in die Augen sehen. Zweifellos, weil
ich fortan eine Aufgabe zu erfüllen hatte: durchzusetzen, dass die
Deportation von Homosexuellen anerkannt wurde." (S. 145)
Sein
Auftreten in der Öffentlichkeit gewinnt mit den Jahren deutliche
politische Ziele; Pierre Seel ist der politisch prominenteste und
engagierteste homosexuelle Ueberlebende. Wir verdanken seinem Engagement
sehr viel. Aber es begann mit einem Kampf um die eigene Identität
und die Fähigkeit, sich zu erinnern. Pierre Seel setzte seinen Kampf
in den achtziger Jahren fort, mit Fernsehauftritten, Teilnahme an
öffentlichen Debatten und Briefe an die Präsidenten Mitterrand und
Chirac, in dem er dazu aufruft, die Nazi-Verbrechen gegenüber Homosexuellen
zu dokumentieren und die häufigen Zwischenfälle bei Gedenkfeiern,
bei denen Homosexuellengruppen mitunter mit Polizeigewalt an einer
Teilnahme gehindert werden, nicht länger zu dulden.
"Das
ist es, was mich verletzt und mich motiviert, zu handeln. Was soll
das heißen? Es gibt keine guten oder schlechten Deportierten! Wir
wurden alle aufgrund politischer Gründe deportiert, durch systematische
Durchsetzung des Nazi-Regimes. Keiner kann dies in Zweifel ziehen.
Oder wir müssen über Revisionismus sprechen! Nein, ich begann alle
diese Gruppen und Politiker anzurufen: Sie müssen die Homosexuellenverfolgung
als solche anerkennen und die Opfer entschädigen. Die Verbrechen
der Nazis dürfen nicht ignoriert und ungestraft bleiben, oder noch
schlimmer, gar vergessen! Diejenigen, die überlebten, müssen Zeugnis
ablegen. Wo sind sie? Ihre Familien werden nicht sprechen, sie schämen
sich der Gründe der Verfolgung. Nur die Überlebenden können die
Erinnerung an die Toten stiften, unsere Erinnerung." [20]
Seine
Erinnerungen streben wie die von Kohout nach einer öffentlichen
Anerkennung der NS-Verfolgung von Homosexuellen, unterscheiden sich
jedoch von Kohouts Zeugnis:
–
Seels Memoiren beschränken sich nicht auf die Jahre 1933-1945. Seine
Memoiren beschreiben die 'Jahre der Scham' – seine Nachkriegsjahre
– und enden 1993.
–
Seine Geschichte – wie die Hegers gemeint, das allgemeine Schicksal
der Homosexuellen zu repräsentieren – unterscheidet sich dennoch.
Seel erzählt seine Geschichte aus heutiger Perspektive und kann
bei manchem auf die heutige Forschungsliteratur vertrauen. Er erzählt
nicht nur uns, sondern auch sich selbst die Folgen des Schweigens
für sein Leben nach 1945. Sein Identitätsverlust durch die Erfahrungen
in Schirmeck und das jahrzehntelange Schweigen werden zum eigentlichen
Thema seiner Erinnerungen. Seine Memoiren gehen so weit, wie eine
Autobiographie dies kann: Erzählt aus der Position einer neu gefundenen
Identität, der des heutigen Pierre Seel, versucht er die Zerstörung
seiner Identität zu fassen. "Ich war achtzehn Jahre alt, tatsächlich
besaß ich kein Alter. Mein Freund war tot, aus mir hatten die Nazis
ein Wrack gemacht." (S. 57) Der englische Titel seiner Autobiographie
"I, Pierre Seel, deported homosexual" drückt dies im Untertitel
aus: 'A memoir of Nazi terror'.
Video-Interviews
und Interviewerfahrungen
Ich
möchte der Analyse der zwei literarischen Zeugnisse einige Erfahrungen
in Stichworten zur Seite stellen, die ich in den letzten Jahren
durch Interviews und Gespräche mit Gad Beck, Pierre Seel, Tiemon
Hofman, Stefan K., Frieda Belinfante, Karl Gorath, Heinz Doermer,
Heinz F., Friedrich-Paul von Groszheim, Kurt von Ruffin, Karl Lange,
George Havas, Wilhelm Kroepfl, Richard Plant, Rolf Hirschberg, Ernst
Scholem und Georg Heck gesammelt habe. Die Video-Interviews mit
Überlebenden, die ich in den letzten Jahren gemacht habe, sind in
den Sammlungen des U.S. Holocaust Memorial Museums, der Shoah Foundation
und durch den Dokumentarfilm Paragraph 175 zugänglich. Weitergehende
Information sind auf meinem Website www.kmlink.net
zu erhalten.
–
Die Nicht-Anerkennung des NS-Homosexuellenverfolgung hat die Verarbeitung
der Lager- und Gefängniserlebnisse maßgeblich erschwert und in Teilen
unmöglich gemacht. Die unglaubliche Erniedrigung, erst am Leben
zu bleiben und dann von der Nachkriegsgesellschaft als Krimineller
behandelt zu werden, hat bei manchen Überlebenden nachhaltige psychische
und physische Folgen ausgelöst. Schlechtere berufliche Chancen durch
die 'Vorstrafe KZ', finanzielle Verarmung durch ausgebliebene Entschädigung
und Verarmung durch die um die KZ-Jahre gekürzten Renten kennzeichnen
die äußere Situation. Tiefes persönliches Leid, weitgehende Isolation
und ohnmächtige Erbitterung über die Rechtfertigung des an ihnen
begangenen Unrechts durch die bundesrepublikanischen und oesterreichischen
Behörden bestimmen die Erinnerungen.
–
Die Lebenserfahrung homosexueller Überlebender ist, dass ihre Verfolgung
staatlich legitimiert wurde und staatlich legitimiert blieb. Kollektive
Sympathie oder Unterstützung erfuhren sie nicht. Es ist sehr schwer
für sie, ein lebenslanges Schweigen zu durchbrechen. Kaum gewinnen
Überlebende heute noch das Vertrauen, entgegen allen ihren Lebenserfahrungen
Zeugnis abzulegen – uns ihre Geschichte zu erzählen, die sie nahezu
fünfzig Jahre mühsam verstecken mussten, nach der auch kaum jemand
fragte.
Erst
in den letzten Jahren hat sich die Lebenssituation einiger weniger
Überlebender verbessert, indem sie Kontakte zu Historikern und/oder
unterstützenden Gruppen/Individuen fanden. Doch noch heute gibt
es immer wieder Momente in Interviews, in denen Überlebende sich
unterbrechen, weil sie annehmen, dass 'dies' doch niemanden interessiere.
–
Die wenigen Interviews, die wir heute noch machen können, sind entscheidende
Zeugnisse individueller und kollektiver Verfolgung. Nach fast fünfzig
Jahren Schweigen wird sich deren Anzahl jedoch im besten Fall auf
10 bis 15 Interviews beschränken. Die Geschichtsschreibung der nationalsozialistischen
Homosexuellenverfolgung kann daher nur in sehr beschränktem Maße
auf Interviews mit Zeitzeugen zurückgreifen. Die Interviews bleiben
Ausnahmen. Video-Interviews werden unser Geschichtsbild zukünftig
maßgeblich prägen und partiell die Position von Überlebenden einnehmen.
Die geringe Anzahl der homosexuellen Zeugnisse wird die Marginalisierung
homosexueller Verfolgung in der Holocaustforschung, insbesondere
aber auch in der Holocaust-Dokumentation in Schule und Universität,
dauerhaft fortsetzen. Dennoch haben insbesondere die Interviews
im Dokumentartfilm Paragaph 175 in den letzten Jahren maßgeblich
zu einer Bewusstwerdung des individuellen Schicksals von Überlebenden
beigetragen.
–
Homosexuelle Überlebende traten bisher nur einmal kollektiv aus
ihrer Isolation an die Öffentlichkeit. Sie unterschrieben ein öffentliches
Memorandum homosexueller Überlebender, in die politische Anerkennung
verfolgter Homosexueller als Opfer des Nazi Regimes gefordert wurde.
Die Erklärung wurde von acht Überlebenden aus vier Ländern unterschrieben
und fand zumindest in den Vereinigten Staaten durch einen Artikel
in der New York Times einige Aufmerksamkeit.
[21]
"Erklärung
homosexueller Überlebender zum fünfzigsten Jahrestag ihrer Befreiung
Vor
50 Jahren wurden wir von den allierten Truppen aus den nationalsozialistischen
Konzentrationslagern und Gefängnissen befreit. Aber die Welt, auf
die wir gehofft hatten, wurde nicht wahr.
Wir
mussten uns wiederum verstecken und wurden erneuter Verfolgung ausgesetzt.
Der seit 1935 bestehende anti-homosexuelle Nazi-Paragraph 175 blieb
bis 1969 gültig, Razzien waren keine Seltenheit. Einige von uns
– gerade aus den Lagern befreit – wurden erneut zu langen Gefängnisstrafen
verurteilt.
Obwohl
einige Überlebende trotz alledem versuchten, bis hin zum Bundesgerichtshof
unsere Anerkennung als Verfolgte des Nazi-Regimes zu erstreiten,
wurden wir als solche nie anerkannt und wurden deshalb von finanziellen
Entschädigungen für ehemalige Verfolgte des Nazi-Regimes ausgeschlossen.
Und nicht einmal die moralische Unterstützung und Solidarität der
Öffentlichkeit existierte für uns.
Kein
SS-Mann hat sich jemals vor Gericht für die Ermordung eines homosexuellen
Mannes verantworten müssen. Aber frühere SS-Angehörige bekommen
heute ihre 'Arbeit' auf die Rente angerechnet, während uns die
Jahre in den Lagern nicht anerkannt und daher von der Rente abgezogen
werden.
Heute
sind wir zu alt und zu müde, um für die Anerkennung des an uns begangenen
Unrechts zu kämpfen. Viele von uns wagten es nie, darüber zu sprechen.
Viele von uns starben allein mit den qualvollen Erinnerungen. Wir
haben lange, aber vergeblich auf eine deutliche politische und finanzielle
Geste der deutschen Regierung und deutscher Gerichte gewartet.
Unsere
Verfolgung wird heute an Schulen und Universitäten kaum erwähnt.
Selbst in Holocaust Museen und Gedenkstätten werden wir als verfolgte
Gruppe manchmal nicht einmal genannt.
Heute,
50 Jahre später, wenden wir uns an die junge Generation und an alle,
die sich nicht von Hass und Vorurteilen leiten lassen wollen. Helfen
Sie mit, sich mit uns zusammen gegen eine noch immer von Vorurteilen
geprägte und unvollständige Erinnerung der nationalsozialistischen
Verfolgung von Homosexuellen zu wehren. Lassen Sie uns das an Juden,
Roma und Sinti, Zeugen Jehovas, Freimaurern, Behinderten, polnischen
wie russischen Kriegsgefangenen, Homosexuellen und vielen anderen
begangene Unrecht nie vergessen. Lassen Sie uns aus der Geschichte
lernen und die jüngere Generation von homosexuellen Frauen und Männern,
Mädchen und Jungen dabei unterstützen, ihr Leben im Gegensatz zu
uns in Würde und Respekt zusammen mit ihren Partnern, Freunden und
Familien führen zu können. Ohne Erinnerung gibt es keine Zukunft."
Schlußfolgerungen
1.
Fünfzig Jahre nach der Befreiung der Lager sind die Erinnerungen
von Überlebenden zum Zentrum der Gedenkkultur geworden. Jede Kultur
wird auch durch ihre Grenzen charakterisiert, jeder Diskurs durch
das, was er nicht sagt. Die Position der Männer mit dem rosa Winkel
in Bezug zu dieser Gedenkkultur ist die eines fast absoluten Schweigens.
Ihre Scham, ihre Schuldgefühle, die Kontinuität ihrer Verfolgung,
ihre Isolation und ihr Schweigen über all dies ist ihre Geschichte.
2.
Josef Kohout und Pierre Seel ermöglichen uns sehr seltene Einblicke
in die Gründe dieses Schweigens und die Folgen, die dieses Schweigen
für sie hatte. Beide Zeugnisse sind geschrieben, um Identität wieder
zu gewinnen. Beide schreiben gegen die Nicht-Anerkennung der Verfolgung
an. In beiden Familien war die Lagerzeit ein großes Tabu. Aber ihre
Lagererfahrungen unterscheiden sich zum Teil erheblich. Kohout überlebt
aufgrund eines Systems sexueller Ausbeutung im Tausch für Schutz.
Seel erinnert sich keinerlei sexueller Aktivitäten in Schirmeck:
"Selbst für den Gedanken an einen Wunsch war an diesem Ort
kein Platz. Ein Schattenbild hat weder Träume noch Sexualität."
(S. 47)
Kohout
hatte eine sehr unterstützende Familie, Seel – im Hinblick auf seine
Homosexualität –, einen sehr feindlichen Familienhintergrund. Ihre
Zeugnisse ermöglichen einen Einblick in die Erfahrungen homosexueller
Überlebender, aber es wäre zu emphatisch ihre Geschichten einfach
als Geschichten homosexueller Überlebender zu bezeichnen. Ihre Geschichten
sind die Ausnahmen zur Regel des Schweigens.
3.
Ihr Schweigen erklärt sich nicht nur aus ihrer Verfolgung, sondern
auch aus deren Fortsetzung nach 1945. Die Bundesregierung und die
oesterreichische Regierung haben die Männer mit dem rosa Dreieck
nicht als Verfolgte des Nazi-Regimes anerkannt und tragen damit
maßgeblich zur Isolation homosexuell Verfolgter bei. Das Bundesverfassungsgerichtsurteil
von 1957 ist noch immer gültig. Der politischen Kultur in Deutschland,
Ost wie West und nun vereint, fehlte lange ein historisches Bewusstsein
über die nationalsozialistische Homosexuellenverfolgung, ebenso
wie ein Schuldbewusstsein über die Fortsetzung der Kriminalisierung
und Diskriminierung nach 1945. Die deutsche Gedenkkultur an die
Opfer des Nationalsozialismus wird noch immer von einer 'Hierarchie
der Opfer' geprägt.
4.
Einer 1993 durchgeführten Umfrage durch das American Jewish Committee
zufolge wusste nur die Hälfte aller Erwachsenen in Großbritannien
und nur ein Viertel aller Erwachsener in den Vereinigten Staaten,
dass Homosexuelle Opfer des Nazi-Regimes waren. Das Gedenken an
die Opfer des Nazi-Regimes und die historische Forschung haben mit
Blick auf die Männer mit dem rosa Winkel lange Zeit versagt. 'Get
out of here, perverts', so ein Störer bei dem ersten homosexuellen
Gedenkdienst im israelischen Memorial Museum Yad Vashem am 30. Mai
1994: Es ist nur einer von vielen Zwischenfällen während zahlreicher
Gedenkdienste. Die Teilnahme homosexueller Gruppen wurde oft mit
Polizeigewalt verhindert. Die Gedenkkultur an die Opfer des Nazi
Regimes ist so offen oder so homophob oder von Vorurteilen geprägt
wie die Kultur, aus der sie kommt. Die Erinnerung an die homosexuellen
und lesbischen Opfer des Nazi-Regimes war und ist noch heute bestimmt
durch ein Klima von Vorurteilen und Konflikten, das es erschwert,
angemessene Formen des Erinnerns zu entwickeln.
Die
Holocaustforschung hat sich als Feld historischer Forschung etabliert
und institutionalisiert, und in diesem Feld – seinen Standardwerken,
seinen Enzyklopädien, seinen Dokumentationen, seinen Archiven, seinen
Sammlungen von Oral-history-Interviews – ist die NS-Homosexuellenverfolgung
kaum mehr als eine Marginalie und wird es bleiben.
5.
Obwohl das rosa Dreieck seit Jahrzehnten Symbol der gay and lesbian
community ist, wissen wir sehr wenig über das individuelle Schicksal
der Männer mit dem rosa Winkel. Die Nazi Erfindung des rosa Dreiecks
wurde zum internationalen Symbol von 'gay and lesbian pride', weil
wir nicht 'verfolgt' werden von individuellen und konkreten Erinnerungen
an diejenigen, die gezwungen wurden, das rosa Dreieck zu tragen.
Unsere Erinnerung ist unpersönlich. Wenn etwas, dann verändern die
Zeugnisse von Kohout und Seel die Anonymität unserer historischen
Erinnerung.
[1] Eine Vielzahl historischer Arbeiten zur nationalsozialistischen
Homosexuellenverfolgung ist in den letzten Jahren erschienen.
Vgl. Jean Boisson: La déportation des homosexuels (1933-1945),
Paris 1988. Burkhard Jellonnek: Homosexuelle unter dem Hakenkreuz.
Die Verfolgung der Homosexuellen im Dritten Reich, Paderborn
1990. A mosaic of victims: Non-Jews persecuted and murdered by
the Nazis, hgb. von Michael Berenbaum, New York 1990. Christoph
Kranich u.a.: Schwule in Auschwitz, Bremen 1990. Massimo Consoli:
Il nazismo e la persecuzione degli omosessuali, Rom 1991. Claudia
Schoppmann: Nationalsozialistische Sexualpolitik und weibliche
Homosexualität, Pfaffenweiler 1991. Claudia Schoppmann (Hgb.):
Im Fluchtgepäck die Sprache, Berlin 1991. Ilse Kokula, Ulrike
Böhmer: Die Welt gehört uns doch! Zürich 1991. "Verführte
Männer": Das Leben der Kölner Homosexuellen im Dritten Reich,
hgb. von Cornelia Limpricht, Jürgen Müller und Nina Oxenius, Köln
1991. Wolfgang Röll: Homosexuelle Häftlinge im Konzentrationslager
Buchenwald, Weimar 1991. Justizbehörde Hamburg (Hgb.): "Für
Führer, Volk und Vaterland...". Hamburger Justiz im Nationalsozialismus,
Hamburg 1992. Rainer Hoffschildt: Olivia. Die bisher geheime Geschichte
des Tabus Homosexualität und die Verfolgung der Homosexuellen
in Hannover, Hannover 1992. Geoffrey J. Giles: 'The Most Unkindest
Cut of All'. Castration, Homosexuality and Nazi Justice, in: Journal
of Contemporary History 27 (1992), S. 41-61. Günter Grau: Homosexualität
in der NS-Zeit. Dokumente einer Diskriminierung, Frankfurt
am Main 1993 (übersetzt: Hidden Holocaust? London 1995). David
A. Hackett (ed.): The Buchenwald Report, Boulder, Colo. 1995.
Pieter Koenders: Tussen christelijk réveil en seksuele revolutie.
Bestrijding van zedeloosheid, met nadruk op repressie van homoseksualiteit,
Amsterdam 1996. Claudia Schoppmann: Days of Masquerade: Life Stories
of Lesbians During the Third Reich, New York 1996. Frank Sparing:
“…wegen Vergehen nach § 175 verhaftet”. Die Verfolgung der Düsseldorfer
Homosexuellen. Düsseldorf 1997. Albert Knoll: Totgeschlagen –
Totgeschwiegen. Die homosexuellen Häftlinge im KZ Dachau. In:
Dachauer Hefte 14 (1998) S. 77-101. Rainer Hoffschildt: Die Verfolgung
der Homosexuellen in der NS-Zeit. Berlin 1999. KZ-Gedenkstätte
Neuengamme (Hgb.), Verfolgung Homosexueller im Nationalsozialismus,
Bremen 1999. Heinrich-Böll-Stiftung (Hgb.), Der homosexuellen
Opfer gedenken, Berlin 1999.
Frühe
Arbeiten zum Thema: Rüdiger Lautmann, Winfried Grikschat and Egbert
Schmidt: Der rosa Winkel in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern,
in: Lautmann, Rüdiger: Seminar: Gesellschaft und Homosexualität,
Frankfurt/M 1977. Hans-Georg Stümke und Rudi Finkler: Rosa Listen,
rosa Winkel, Reinbek 1981. Richard Plant: The pink triangle. The
Nazi war against homosexuals, New York 1986.
Eine
Bibliographie zur englischsprachigen Forschungsliteratur erstellt
von Gerard Koskovich: http://members.aol.com/dalembert/lgbt_history/nazi_biblio.html.
[2] Der vorliegende Text arbeitet
Vorträge aus, die ich 1996 an der Universität von Beersheva, Israel
im Rahmen der Konferenz: "Belated or timely memories: The
last phase of survivor literature" sowie beim Kongress „Wider
das Vergessen“ in Saarbrücken gehalten habe. Ich bedanke mich
ausdrücklich bei dem United States Holocaust Memorial Museums
(Washington DC) für die langjährige Unterstützung, die ich dort
in meiner Funktion seit 1992 als Consultant auf dem Gebiet der
nationalsozialistischen Homosexuellenverfolgung erfahren habe.
Durch die Integration von relevanten Materialien in die Dauerausstellung,
zahlreiche thematische oeffentliche Programme seit 1993, den Aufbau
einer Sammlung zur Homosexuellenverfolgung im Archiv des Museums
und durch die Arbeit mit anderen Kollegen an einfuehrenden Texten
und Dokumentationen ermoeglicht das Museum heute die Planung neuer
Forschungs- und Educationsprojekte. Vgl. auch die ueber die Museum’s
Website zugaenglichen Hintergrund Informationen: http://www.ushmm.org/topics (USHMM Learning
Center: Please use ‘homosexual’ in search function to access articles);
http://www.ushmm.org/doyourememberwhen/
(USHMM Online exhibition on intimate friendship in Zionist Youth
group in Berlin 1941); http://www.ushmm.org/education/resource/hms/homosx.htm
(USHMM brochure on homosexuals as victims of Nazi regime); http://www.ushmm.org/research/center/april28/;
(USHMM Conference on Nazi persecution of homosexuals, April 28,
2000;real audio); http://library.ushmm.org/gays/intro2.htm
(USHMM bibliography on Nazi persecution of gays and lesbians)
[3] Bis zum Juli 2001 habe ich drei Interviews mit homosexuellen
Überlebenden aus Polen, den Niederlanden und Deutschland für das
Oral History Department des United States Holocaust Memorial Museum
(Washington) geführt sowie Interviews mit einer lesbischen Widerstandskämpferin
und einem jüdisch-homosexuellen Emigranten. Ich danke für die
besondere Unterstützung seitens der Direktorin des Oral History
Departments, Dr. Joan Ringelheim, und ihres Assistenten Chris
Johnson, ohne die diese Interviews nicht möglich gewesen wären.
– Die "Survivors of the Shoah Visual History Foundation"
(Los Angeles) hat zwei Interviews mit homosexuellen Überlebenden
geführt, maßgeblich dank der Arbeit von Andrew Nicastro, der auch
mein Interview für die Shoah Foundation mit einem verfolgten,
polnischen Homosexuellen vorbereitete. Für Paragraph 175 habe
ich zahlreiche Gespräche und Interviews mit Überlebenden geführt,
siehe Fußnote 4.
[4] Paragraph 175. Regie: Rob Epstein & Jeffrey Friedman; Director
of Research/Associate Producer: Klaus Müller ; 82 min; USA 2000)
Vgl. www.kmlink.net und http://www.tellingpix.com/films/5.html
Amerikanische Premiere: Sundance Film Festival, 2000; Europäische
Premiere: Berlin Film Festival, 2000. Der Film beruht auf meiner
Idee, die ich 1997 den beiden amerikanischen Regisseuren als gemeinsames
Projekt vorschlug; eine Produktion mit deutschen Geldern schien
damals unmöglich. Der Film – finanziert ohne jegliche deutsche
finanzielle Beteiligung – erhielt zahlreiche Preise und hat in
den letzten Jahren wesentlich zur Diskussion über die Nazi Verfolgung
von Homosexuellen beigetragen. Er erhielt folgende Jury-Preise:
Sundance Film Festival-Best Directors – Documentary, Berlin Film
Festival-Teddy Award – Best Gay Documentary, Turin Gay Film Festival
– Best Documentary, Philadelphia Int'l Gay and Lesbian Film Festival
– Best Documentary, Seattle Lesbian & Gay Film Festival –
Award for Excellence; Kriker-Preise: Berlin Film Festival-FIPRESCI
Award (Fédération International de la Presse Cinématographique);
Publikums-Preise: Turin Gay Film Festival, Milan Gay Film Festival,
Pink Apple Film Festival (Schweiz), San Francisco International
Lesbian and Gay Film Festival – Best Documentary, Barcelona International
Exhibition of Gay and Lesbian Films – Best Feature, Film MiX Brasil
Festival of Sexual Diversity – Best Film, Madrid Gay and Lesbian
Film Festival – Best Feature Film.
[5] “...but I was a girl” (The life of Frieda Belinfante).
Frame Media Productions, Niederlande 1999; 69 min; Regie: Toni
Boumans; Assistant Director und Interview Frieda Belinfante: Klaus
Müller. Vgl. auch www.kmlink.net.
Dokumentarfilm über Frieda Belinfante, eine der ersten Dirigentinnen
der Musikgeschichte und eine lesbische Widerstandskämpferin in
den Niederlanden. TV-Premiere 1999; gezeigt auf Filmfestivals
in Mailand, Los Angeles, Washington, Turin, San Francisco. Das
achtstündige Interview mit Frieda Belinfante führte ich für das
U.S. Holocaust Memorial Museum, es ist in der Oral History Interview
Sammlung des Museums zugänglich.
[6] „Just happy the way I am“ (Regie und Koproduzent: Klaus
Müller, Produzent und Kamera: Miha Lobnik; 45 min). Vgl. auch
www.kmlink.net. Premiere: im Dezember 1998 als
Eröffnungsfilm des 14. Slovenian Gay and Lesbian Filmfestival.
Weitere Aufführungen in Rumänien, Italien, Niederlande, Ukraine,
Polen, Deutschland, Litauen, Serbien. „Just happy the way I am”
setzt sich mit der Rezeption der historischen Homosexuellenverfolgung
durch die heutige Generation von jungen Schwulen und Lesben auseinander.
[7] Heinz Heger: Die Männer mit dem rosa Winkel, Hamburg 1972;
engl.: The men with the pink triangle, Boston, Alyson 1994. –
Pierre Seel: Moi, Pierre Seel, déporté homosexuel, Paris 1994;
dt.: Ich, Pierre Seel, deportiert und vergessen, Köln 1996; engl.:
I, Pierre Seel, deported homosexual. A memoir of Nazi terror,
New York 1995.
[8] Biographische Porträts von homosexuellen Überlebenden
finden sich in: Lutz van Dijk: ‚Ein erfülltes Leben – trotzdem...’
Erinnerungen Homosexueller 1933-1945, Reinbek 1992; ders.: Verdammt
starke Liebe, Reinbek 1991 (engl.: Damned strong love: The true
story of Willi G. and Stephan K., New York 1995); Andreas Sternweiler:
‚Fotos sind mein Leben’: Albrecht Becker", Berlin 1993; ders.:
‚Und alles wegen der Jungs.’ Pfadfinderführer und KZ-Häftling:
Heinz Dörmer". Berlin 1994. Sechs anonymisierte Zeugnisse
finden sich in: Hans-Georg Stümke/Rudi Finkler: Rosa Winkel, rosa
Listen, Reinbek 1981. In verschiedenen Stadien meiner Arbeit waren
Andreas Sternweiler, Hans-Georg Stümke und besonders Lutz van
Dijk sehr hilfreich. Vgl. auch meine Veröffentlichung: Amnesien.
Formen des Vergessens, Formen des Erinnerns. In: Der homosexuellen
Opfer gedenken, hgb. von der Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin 1999,
S. 56-69.
[9] 10.000 bis 15.000 Männer wurden als Homosexuelle in Konzentrationslagern
interniert, so die von den meisten Historikern als realistisch
betrachtete Zahl. Die Sterblichkeitsrate wird auf rund 60% geschätzt.
Weniger als 15 homosexuelle Überlebende haben bisher ihr Schweigen
gebrochen und Zeugnis abgelegt.
[10] Auf die Konstruktion der modernen homosexuellen Identität
gehen zahlreiche Arbeiten im Kontext der 'gay and lesbian studies'
ein, maßgeblich inspiriert durch das Werk von Michel Foucault.
Über die spezifisch deutsche Entwicklung homosexueller Identität
Ende des 19.Jahrhunderts vgl. Klaus Müller: Aber in meinem Herzen
sprach eine Stimme so laut. Homosexuelle Autobiographien und medizinische
Pathographien im 19. Jahrhundert. Berlin 1991.
[11] Bis in die späten achtziger Jahre fanden sich
in den meisten Ausstellungen und Dokumentationen über die nationalsozialistischen
Konzentrationslager keinerlei Hinweise auf Homosexuelle als Opfergruppe.
Bis heute fehlt in den meisten Gedenkstätten eine Analyse der
Homosexuellenverfolgung. Eine Teilnahme homosexueller Gruppen
an Gedenkfeiern in ehemaligen Konzentrationslagern wurde lange
Zeit verweigert, erst in den achtziger Jahren wurde es Homosexuellengruppen
in einigen ehemaligen Konzentrationslagern erlaubt, Gedenktafeln
anzubringen, nach Jahren politischen Streits. Die wachsende Zahl
der Gedenktafeln und -steine signalisiert jedoch auch einen langsamen
Wechsel in der öffentlichen Meinung. Gedenksteine finden sich
in Mauthausen (1984), Neuengamme (1985), Dachau (1987) und Sachsenhausen
(1992). Mahnmale außerhalb des Geländes ehemaliger KZs wurden
in Amsterdam (1987), Berlin/Nollendorfplatz (1989), Bologna (1990),
Den Haag (1993), Frankfurt (1994) und Köln (1995) errichtet. Vgl.
Anm. 8, Müller 1999.
[12] Die Initiative – Der homosexuellen Opfern
gedenken arbeitet seit 1996 an einem zentralen Monument zur
Erinnerung an die homosexuellen Nazi Opfer, vgl. http://gedenk-ort.lsvd.de/index2.htm
und den Konferenzband: Der homosexuellen Opfer gedenken. Hgb.
von der Heinrich-Böll-Stiftung. Berlin 1999.
Die
Pink Triangle Coalition ist eine internationale Advocacy
Organisation von acht Homosexuellengruppen in den USA, Europa
und Israel, die seit einigen Jahren Interessen von Überlebenden
in internationalen Verhandlungen vertritt, vgl. www.kmlink.net.
Zur
Arbeit des United States Holocaust Memorial Museum vgl. www.ushmm.org,
Weinraub, Judith. "Trials of the Pink Triangle: Historian
Klaus Mueller, Documenting the Nazi Torment of Gays," Washington
Post (June 6, 1994): pp. D1, D4;. Linenthal, Edward T. Preserving
Memory: The Struggle To Create America's Holocaust Museum
(New York 1995; S. 187-89); Hart, Sara. "A Dark Past Revealed,"
10 Percent [San Francisco], vol. 1, no. 5 (Winter 1993):
37-39, 74; Dunlap, David W. "Personalizing Nazis' Homosexual
Victims," New York Times (June 26, 1995): pp. A1,
B4., und die Museumskonferenz zum Thema http://www.ushmm.org/research/center/april28/agenda/agenda.htm.
Zu
Paragraph 175: Vgl. Anmerkung 4 und http://www.tellingpix.com/films/5.html
und www.kmlink.net
[13] Vgl.: Der Spiegel: §175 Das Gesetz fällt - bleibt die
Ächtung? Nr. 20, 1969 (S. 62).
[14] Vgl. auch Klaus Müller: Amnesien. Formen des
Vergessens, Formen des Erinnerns. In: Der homosexuellen Opfer
gedenken. Hgb. von der Heinrich-Böll-Stiftung. Berlin 1999.
[15] Im folgenden zitiert nach Heinz Heger: Die Männer mit
dem rosa Winkel. 4. Ausg. Hamburg 1993. Vgl. auch mein Vorwort
zur amerikanischen Ausgabe von ‚The men with the pink triangle’.
Boston 1994.
[16] Ich danke Herrn Kroepfl besonders herzlich für seine
Zustimmung zum Abdruck einiger Passagen aus unserer Korrespondenz,
für seine Offenheit und seine Unterstützung.
[17] Im folgenden zitiert nach: Ich, Pierre Seel, deportiert
und vergessen. Köln 1996.
[18] Vgl. auch die Anmerkungen zur deutschen Ausgabe von
Mario Kramp, bes. Anm. 12 (S.167/168).
[19] Vgl. Interview mit Pierre Seel: Bearing Witness. In:
Gay Times, November 1989. Ich bedanke mich besonders bei Hans
Soetaert (Gent), Karsten Witte (Berlin) und Adam Brown (New York)
für ihre Hilfe beim Zustandekommen meines Kontaktes mit Pierre
Seel.
[20] Vgl. Interview mit Pierre Seel: Le détail homo. Le témoignage
et le combat d'un triangle rose. In: Gai Pied, Oktober 1988.
[21] Die Erklärung homosexueller Überlebender fünfzig
Jahre nach ihrer Befreiung wurde am 29. Mai 1995 veröffentlicht.
Die Erklärung entwickelte sich aus einer Korrespondenz zwischen
homosexuellen Überlebenden und mir. Sie wurde im Rahmen eines
oeffentlichen Programmes des United States Holocaust Memorial
Museums von mir am 28. Mai 1995 in Washington DC zum ersten Mal
veroeffentlicht. Vgl. David W Dunlap, "Personalizing Nazis'
Homosexual Victims," New York Times (June 26, 1995):
pp. A1, B4. (Vgl. http://www.english.upenn.edu/~afilreis/Holocaust/personalize-gays.html)
Acht
homosexuelle Überlebende aus vier Ländern – Polen, Frankreich,
den Niederlanden und Deutschland – unterzeichneten die Erklärung.
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